Der Fuchs im Hühnerstall oder Dummheit siegt

Über den nächtlichen Bauernhof schleicht auf leisen Sohlen der Fuchs. Schon in der Abenddämmerung hat er eine leicht zugängliche Stelle in der Bretterwand des Hühnerstalles entdeckt und im Schutze des Fliederbaumes ein Loch darunter gegraben, gerade so groß, um mühelos hindurchschlüpfen zu können. Hahn und Hühner, denen er im Verlaufe einiger Wochen schon zwei Besuche abgestattet hat, sind durch das leise Kratzen und Scharren an der losen Latte der Stallwand gewarnt und haben sich auf der obersten Stange zum Kriegsrat versammelt. Mit verhaltenem Gegacker wird vorgeschlagen, verworfen, beraten und schließlich ein Plan verabredet, der dem Fuchs die Lust am Hühnermord ein für allemal verderben soll.

Es gibt nur einen Unsicherheitsfaktor in diesem Plan: das Huhn Thusnelda, letztes in der Hackordnung und äußerst einfältig, besteht ihr ganzer Wortschatz doch lediglich aus einem einzigen langgezogenen, fragenden 'Gaaaaak', das sie bei jeder Gelegenheit von sich zu geben pflegt. Diesen Unsicherheitsfaktor gilt es auszuschalten und so wird Thusnelda eindringlich nahegelegt, sich vollkommen ruhig zu verhalten und keinesfalls ins Kampfgeschehen einzugreifen, um den guten Ausgang der Sache nicht zu gefährden.

Man begibt sich auf die Schlafplätze. Im Hühnerstall herrscht darauf Stille und gespannte Erwartung.

Mittlerweile hat der Fuchs das Loch beim Fliederbaum erreicht, hebt die Nase sichernd in die Luft und schlüpft dann hinein in den Stall. Dort angekommen bleibt er stehen und lauscht. Nichts bewegt sich. Die Hühner scheinen zu schlafen. Siegesgewiss tappt er vorwärts auf die Hühnerleiter zu und stößt dabei an einen Blecheimer, der im Wege steht. Es gibt ein schepperndes Geräusch.

Aus einer Ecke hört der Fuchs das Rascheln von Flügeln und bleibt unbeweglich stehen, um sich nicht zu verraten. Gerade über ihm, kaum anderthalb Meter entfernt, sitzt Thusnelda. Sie kann den Feind nicht sehen, doch ahnt sie seine Nähe und ein nervöses Kribbeln steigt ihr von den Zehen aufwärts bis in den Kamm. Sie öffnet lautlos den Schnabel zu ihrem wohlbekannten 'Gaak', doch erinnert sie sich in letzter Sekunde an die Warnung des Hahns und schließt den Schnabel wieder. Stattdessen fühlt sie einen unwiderstehlichen Drang und Druck im Leibe, wackelt mit dem Hinterteil und lässt ein Ei fallen, dem Fuchs, der noch immer regungslos unter ihr verharrt, genau zwischen die Ohren, wo es mit einem Knacken zerbricht. Unglücklicherweise läuft der zerplatzte Eidotter über beide Augen des Fuchses, so dass dieser erschreckt einen Satz vorwärts macht und dabei mit den linken Vorderlauf in eine am Abend zuvor mit Hafer und Mais gefüllte Schüssel tritt. Hafer und Mais wirbeln auf und vermischen sich auf seinen Augen zu einem klebrigen, undurchsichtigen Brei.

In Sekundenschnelle haben die Hühner die günstige Situation erfasst. Sie stürzen flügelschlagend und zeternd auf den nun blinden Eindringling herab und der Hahn, als Anführer, traktiert ihn mit wütenden Fußtritten und Schnabelhieben. Im Nu ist der Fuchs eingekreist, wehrlos, unterlegen. Seiner Sehkraft beraubt, schnappt er ziellos nach den Angreifern, ohne sie jedoch deutlich ausmachen zu können.

Thusnelda, die das Geschehen von ihrem Platz aus beobachtet, verspürt auf einmal den Wunsch, ins Kampfgeschehen einzugreifen. Tollpatschig flattert sie von ihrer Stange herunter, um sich voll Eifer unter die kämpfenden Leiber zu mischen und prallt dabei unbeabsichtigt gegen die an der Wand lehnende Heugabel, die sofort das Gleichgewicht verliert und nach vorn stürzt. Das Federvieh sieht den schweren Stiel auf sich zukommen und spritzt flink zur Seite. Die Heugabel trifft den Fuchs, der sich noch immer blindwütend und unbeholfen um seine eigene Achse dreht, auf seine empfindliche Rückseite. Jaulend vor Schmerz rast der Fuchs im Zickzack davon, stößt sich den Kopf an einem Balken, gerät fast unter die Sense, stolpert in einen Ballen Heu und wieder heraus, verfolgt vom aufgebrachten Gegacker des Hühnervolkes. Er saust an der Bretterwand entlang, tappt dabei in das von ihm gegrabene Loch, erkennt die eigene Fährte und quetscht sich mit schmerzlich-zornigem Geheul ins Freie. Dort jagt er in gestrecktem Lauf über die Wiese in den nahen Wald hinauf.

Nach einer halben Stunde aufgeregter Debatte tritt im Stall Ruhe ein.

Alle Hühner einschließlich des Hahns sind dem Kampfgetümmel unversehrt entronnen und versammeln sich beim Beginn der Morgendämmerung auf der höchsten Stange, um den siegreichen Ausgang der Sache zu besprechen und zu feiern. Einzig Thusnelda, das dümmliche, einfältige Wesen bleibt mit gesträubten Federn angstvoll zusammengekauert auf ihrem Platz. Sie erwartet einen Verweis Aller, der gewöhnlich mit einem kräftigen Schnabelhieb des Hahns beginnt und nach weiteren siebzehn Schnabelhieben - verteilt auf siebzehn Hühner - endet. Sie blinzelt in Richtung der Versammlung, erlauscht einige Male ihren Namen und zuckt bei Nennung desselben jedes Mal erschreckt zusammen. Als der Hahn sich majestätisch aufrichtet und mit befehlender Stimme nach ihr ruft, erscheint ihr dies wie der Beginn des Jüngsten Gerichts. Sie fährt auf, verheddert sich mit den rechten Fuß in einer Schnur und flattert, nachdem sie sich befreit hat, mit einem verstörten „Gaak?“ in die Mitte des Rates. Demütig senkt sie den Kopf und schließt die Augen in Erwartung der Strafpredigt und der unvermeidlichen Hiebe.

Doch scheint sich der Augenblick vom duldsamen Niederhocken bis zum Einsetzen des Gerichts heute ungewöhnlich lange hinauszuzögern und sie öffnet daher die Augen wieder. Auf diesen Moment hat der Hahn gewartet. Er wirft sich in die Brust, holt tief Atem und sagt in feierlichem Ton:

Huhn Thusnelda! Bis zum heutigen Tage haben wir dich immer unterschätzt! Nur durch dich, durch das beherzte Fallenlassen eines Eies auf die Augen des Fuchses und seine darauf einsetzende Blindheit, durch das wohlüberlegte Umwerfen der Heugabel, konnte der Feind so vernichtend geschlagen werden, dass er uns niemals mehr behelligen wird. Wir alle verneigen uns vor dir in Hochachtung! Wir haben einmütig beschlossen, dir mit dem heutigen Tage den Platz in der Hackordnung zu geben, der dir dank deiner überragenden Intelligenz und Schläue, die wir leider immer verkannt haben, schon von Anfang an zugestanden hätte. Ab sofort, Huhn Thusnelda – tritt zu mir – sollst du an meiner rechten Seite deinen Platz finden. Bist du damit einverstanden?

Thusnelda glotzt hilflos um sich, senkt die Augen, scharrt mit dem linken Fuß verlegen auf dem Boden und antwortet dann:

Gaak?

Durch die Reihen des Hühnervolkes geht ein gelangweiltes, enttäuschtes Raunen ob dieser altbekannten Äußerung. Doch bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die Entscheidung des Hahns zu respektieren, um nicht auf den Platz verbannt zu werden, den bislang Thusnelda innegehabt.

Thusnelda gewöhnte sich schnell an die veränderten Verhältnisse. Innerhalb dreier Tage erweiterte sie, eingedenk der hohen Stellung, die sie nun innehatte, überraschenderweise ihren Wortschatz. Jedes Gespräch eröffnete und beendete sie mit den Worten:

Gack - Gaak? Gaak!

Man verbarg Neid und Missgunst vor ihr und ließ sie gewähren, wusste man doch:

So ist das Leben.

Zwar ist es möglich, dass Dummheit siegt, doch wie lange? Die Zeiten ändern sich und mit ihnen gottlob die Verhältnisse.

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Petra Koch

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